Donnerstag, 7. Dezember 2017

Lectura 50 - die Berliner Kuppe, eine Ezählung

Lied « Ich hab’ noch einen Koffer in Berlin » https://www.youtube.com/watch?v=d-BLoI-0aFc

Berliner Kuppe, eine Erzählung von Wladimir Kaminer

Quelle des Textes  https://www.goethe.de/ins/es/de/kul/sup/lit/int/ber.html            „Ich bin kein Berliner. Ein Reiseführer für faule Touristen“, von Wladimir Kaminer              

Kuppe f. ‘abgerundeter Gipfel, gerundetes Endstück’. Gipfel’ sowie ahd. . ‘Kopfbedeckung, angeführten germ. Formen entlehnt aus spätlat. cuppa  (vgl. präzisierende Zusammensetzungen wie Bergkuppe,Fingerkuppe, Nagelkuppe).

Die Kuppe: rundlicher oberer Teil eines Berges; rundlicher, stark gewölbter Berggipfel;                    [die kleine Berliner Bergkuppe ist genau da, wo früher die Berliner Mauer verlief = una colina] - rundlicher oberer Teil eines Fingers; Fingerkuppe er klopfte mit der Kuppe des Zeigefingers auf den Tisch ; - vor dem Umblättern leckte ich die Kuppe sorgfältig naß [M. WALSERHalbzeit209] oberster Teil des Fingernagels oder Zehennagels - die schön gewölbten Kuppen der Fingernägel [HESSE, Narziß u. Goldmund 5,304]

Lesestück A1 - Ein weitverbreiteter Spruch lautet: „Berlin ist nicht Deutschland.“ Dem stimme ich zu. Wer Deutschland sehen will, der muss in den Wald gehen. Zweiundachtzig Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik sehr kompakt auf zwölf Prozent ihres Territoriums, einschließlich Verkehrsflächen. Die restlichen Prozent sind Wälder und Felder, Seen und Flüsse. Eigentlich ein idealer Fleck zum Urlaubmachen. Trotzdem gelten die Deutschen als reiselustigste Nation der Welt. Jedes Mal wenn die Urlaubszeit ausbricht, verlassen sie ihre heimischen Kurorte und suchen das Weite. Die Bürger der ehemaligen DDR hatten ihr Recht auf Urlaub im Ausland 1989 sogar zu einer politischen Forderung gemacht. Sie gingen auf die Straße mit Plakaten wie „Visafrei nach Hawaii“ oder „Ohne Scham nach Pakistan“ (na gut, das zweite hab ich mir ausgedacht) und errangen damit die deutsche Wiedervereinigung.

„Wie war’s denn? Das erste Mal auf Hawaii?“, wollte ich meine Ostberliner Bekannten fragen, fand aber niemanden, der tatsächlich nach Hawaii gefahren war. Vielleicht sind die ersten ostdeutschen Hawaiitouristen gar nicht mehr zurückgekommen? Dabei hatte die DDR so viele Urlaubsmöglichkeiten zu bieten. Ihre naturparadiesischen Landschaften haben noch heute den höchsten Attraktivitätsindex: Mecklenburgische Seenplatte, Leipziger Tieflandsbucht, Thüringer Wald... Was man hat, schätzt man jedoch nicht.

El título del libro de Kaminer alude con ironía a la frase que pronunció Kennedy durante el bloqueo de los accesos a la ciudad (Ich bin "ein" Berliner)


Deutungen : (was bedeuten die folgenden fett gechriebenen Wörter ?) :



·         Dem stimme ich zu.= (bin damit einverstanden – zustimmen)                                                              82 Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik sehr kompakt auf zwölf Prozent ihres Territoriums, einschließlich Verkehrsflächen.  =  (inklusive)                                                                 Trotzdem gelten die Deutschen als reiselustigste Nation der Welt. = (alle sind der Meinung, sie reisen gerne)  Jedes Mal, wenn die Urlaubszeit ausbricht, verlassen sie ihre heimischen Kurorte  =  (plötzlich beginnt)
·         Sie gingen auf die Straße mit Plakaten wie „Visafrei nach Hawaii“ [...] und errangen damit die deutsche Wiedervereinigung.  =  (erreichten mit höchster Anstrengung)                                        Das zweite habe ich mir ausgedacht.  = (habe es mir frei vorgestellt oder erfunden)




Lesestück B2 - „Heute ist der Traum von Fernreisen im Großen und Ganzen ausgelebt, die veränderten Arbeitsbedingungen, die uneingeschränkte Freizeit auf Lebenszeit geben einem Urlaub zu Hause neuen Sinn.
In den Jahren nach dem Mauerfall wurde Ostdeutschland außerdem dermaßen schick herausgeputzt, dass es nun reif für jeden anspruchsvollen Reisekatalog ist.
Insofern wundert es nicht, dass die Ostdeutschen ihren Urlaub wieder zu Hause verbringen, während sie zur Arbeit in den Westen fahren.
Gleichzeitig werden ihre ostdeutschen Moor- und Heilbäder, die alten Schlösser und Kirchen gerne und häufig von westdeutschen Rentnern besucht, die busweise durch Brandenburg oder Sachsen touren.
Auf Kurortebene hat sich die Wiedervereinigung überall vollzogen, nur in Berlin ist die Lage noch nicht so erfreulich.
Die deutsche Hauptstadt fehlt in der allgemeindeutschen Kurort-Tauglichkeitstabelle komplett, sie kann gerade noch in der unteren Spalte "festlegbare landschaftliche Vielseitigkeit" einen Platz finden.
Erforderlich dafür sind "ein geringer Waldanteil und Vorhandensein von Wasser oder mindestens einer Bergkuppe".
Diese unsichtbare Berliner Bergkuppe steht exakt dort, wo früher die Mauer verlief. Auf beiden Seiten des Berges leben Menschen, die nicht gern klettern. Und so bleiben die meisten unter sich.“

Übung: Heute ist der Traum von Fernreisen im Großen und Ganzen , die veränderten Arbeitsbedingungen, die uneingeschränkte Freizeit auf Lebenszeit geben einem Urlaub zu Hause neuen Sinn. In den Jahren nach dem Mauerfall wurde Ostdeutschland außerdem dermaßen schick  , dass es nun reif für jeden anspruchsvollen Reisekatalog ist.
  wundert es nicht, dass die Ostdeutschen ihren Urlaub wieder zu Hause verbringen, während sie zur Arbeit in den Westen fahren. Gleichzeitig werden ihre ostdeutschen Moor- und Heilbäder, die alten Schlösser und Kirchen gerne und häufig von westdeutschen Rentnern besucht, die  durch Brandenburg oder Sachsen touren.
Auf Kurortebene hat sich die Wiedervereinigung überall vollzogen, nur in Berlin ist die Lage noch nicht so  
.
Die deutsche Hauptstadt fehlt in der allgemeindeutschen Kurort-Tauglichkeitstabelle komplett, sie kann gerade noch in der unteren Spalte „festlegbare landschaftliche Vielseitigkeit“ einen Platz finden. 
 dafür sind „ein geringer Waldanteil und Vorhandensein von Wasser oder mindestens einer Bergkuppe“. Diese unsichtbare Berliner Bergkuppe steht exakt dort, wo früher die Mauer verlief. Auf beiden Seiten des Berges leben Menschen, die nicht gern klettern. Und so bleiben die meisten unter sich.   [mit Synonimen ergänzen]

Lesestück C3 - Daneben habe ich bemerkt, dass die gerissensten ostdeutschen Geschäftsmänner immer ostdeutsche Steuerberater haben. Ich habe mit den Steuerberatern auf beiden Seiten des Berges bereits Erfahrungen gemacht und weiß daher, wie unterschiedlich sie sind. Die westlichen haben in der Regel einen großen Empfangsraum und mehrere Sekretärinnen, die alles notieren, was der Chef sagt, selbst wenn er nur hustet oder von seinem Urlaub auf Hawaii erzählt. Der westliche Steuerberater macht immer den Eindruck, als hätte er selbst mehr Kohle als all seine Kunden zusammen. Das verunsichert den ostdeutschen Geschäftsmann und sorgt für Minderwertigkeitskomplexe. Außerdem versteht er oft nicht, was der Berater ihm rät. Der östliche Steuerberater sieht aus wie ein ehemaliger Unteroffizier der NVA, läuft in einer Lederjacke durch die Gegend, kann tätowiert beziehungsweise leicht gepierct sein und empfängt seine Klienten gern in einer Kneipe. Dabei kommt er gleich zur Sache. "Dat würde icke an deiner Stelle anders machen, denn wenn die kommen, schauen sie sich dit und dat an."
Und jedem ostdeutschen Geschäftsmann ist sofort klar, was damit gemeint ist.
Genauso verhält es sich hier auch mit den Kinderärzten, Lebensmittelverkäufern, Saunamitarbeitern und Diskothekenbesitzern. Und wenn man zu einem Taxifahrer aus dem Westen sagt "Fahren Sie mich bitte ins Zentrum", landet man fast immer irgendwo am Ender der Welt – in Charlottenburg.
Erst in den letzten Jahren ist der Prozess der Annäherung langsam in Gang gekommen – durch den Ausbau der berlintypischen landschaftlichen Attraktivitäten und die damit verbundene Migration der Arbeitskräfte aus dem Westen. Diese Arbeitskräfte machen sich sofort die regionalen Sitten und Gebräuche zu eigen und sind schon nach kurzer Zeit als Wessis nicht mehr erkennbar. So erfuhr ich, als ich mit diesem Kapitel fertig war, dass mein tätowierter Steuerberater, der so perfekt berlinern konnte, in Wirklichkeit aus Heidelberg kam. Ein Schock.

Lesestück D4 - „Neulich musste ich einen Umweg fahren, über den Westen“, hört man, oder: „Ich kenne da einen Arzt im Osten.“ --
„Wo wohnen Sie denn? Ist das noch Osten oder schon Westen?“, fragte mich neulich eine Beamtin im Landeseinwohneramt, als ich dort eine Einladung für meine Petersburger Freunde bestätigen lassen wollte. „Ich wohne in Berlin“, sagte ich. „Vielleicht ist Ihnen entgangen, dass die Mauer vor sechzehn Jahren gefallen ist.“ „Nein, das ist mir nicht entgangen“, die Beamtin blickte mir tief in die Augen, „denn ick muss jeden Abend nach Wedding durch den Osten fahren.“ Irgendwas hatte sie gegen den Osten. „Ach Sie wohnen in Wedding? Schön, so orientalisch“, konterte ich.

kontern : jmdm. scharf entgegentreten - ‘einen Angriff abfangen und selbst angreifen, schlagfertig entgegnen, ein Druckbild umkehren’, im 20. Jh. als Fachwort des Boxsports aus engl. to counter ‘mit einem Gegenschlag beantworten’ entlehnt, einer Bildung zum Adv. engl. counter ‘gegen, entgegen’ (aus gleichbed. afrz. contre, lat. contrā). Die dt. Schreibweise zeigt Angleichung des Verbs an die Präfixbildungen mit konter- (aus frz. contre-). Zum Verb kontern (und nicht mit dem Präfix konter-) ist das Kompositum  Konterschlag m. (20. Jh.) gebildet.




Lesestück  E5 - Im Nachhinein war mir dieser plötzlich ausgebrochene Ostpatriotismus etwas peinlich. Auch bei uns hinterm Berg führen die meisten ein Leben in der vertrauten Ostumgebung und sind so gut wie nie drüben.
Ein Freund von uns lernte vor einem Jahr eine Westberlinerin auf Ibiza kennen, sechs Monate später zog sie bei ihm ein.
„Warum fährst du immer nach Charlottenburg zum Frisör?“ regte er sich auf. „Das ist doch pure Zeit- und Geldverschwendung!“
Er selbst ging seit zwanzig Jahren zu seinem Ostfriseur, dem besten auf dieser Seite – ein Udo Walz des Ostens, zuverlässig und preiswert. Früher soll er sogar Honecker und dem gesamten Politbüro die Haare geschnitten haben, erzählte unser Bekannter. Trotz dieser Antiwerbung ging seine Freundin hin.




Eine Deutung :  Also ich finde, das hat nichts mit Ost-West-Vorbehalten zu tun. Es ist wirklich schwer, einen guten Frisör zu finden, und wenn  endlich einen gefunden hat, darf man ihn  wieder hergeben! Also ich würde ganz gleich , ich fahre ja auch ohne  schon 40 Minuten zu meinem Friseur, aber dafür bin ich danach immer zufrieden! Er ist zwar ein bisschen teurer, aber meine  ist definitiv das Geld und die Zeit wert.  [ergänzen]


Zwei Kommentare :   susesu: Berlin ist eine Stadt, mit einem Bürgermeister, da ist es doch nur eine Frage der Zeit, bis sich alle Berliner als Berliner fühlen. Egal ob sie im Osten oder Westen wohnen. Also ich glaube, dass die Veränderung, von der Herr Kaminer spricht, von der politischen Einheit ausgeht. Natürlich hat auch die Tatsache, dass Berlin wieder Hauptstadt ist, damit zu tun. Die Regierung sitzt in Berlin, auch das eint!
m.richter: Ich glaube eher, dass die Annäherung durch Migration kommt. Wie viele Berliner gibt es denn noch in Berlin? Nicht nur Westberliner sind wegen der billigen Mieten in den Osten gezogen, auch Bayern, Hessen, Türken, Polen und Italiener. Die haben die DDR nicht miterlebt, für die sind nur die billigen Mieten und das billige Essen wichtig. Deshalb verändert sich Berlin und wächst zusammen, Berlin ist nicht mehr Ost und West. Berlin ist multikulti und das ist gut so.


Was meinte dazu ein Politiker? - „Die Angewohnheit , in den kalten Monaten in den Süden zu fahren, ist zu uns aus dem verdorbenen Westen gekommen“, sagte diese Woche der russische Tourismusminister (er hat selbst zwei Häuser auf Seychellen). „Unsere Vorfahren“, sagte er, „sogar die Wohlhabenden, hatten ihre Freizeit gerne in dem heimischen Schnee verbracht“.  Er riet seinen Landleuten ab, zum Urlaub in die Türkei oder gar Ägypten zu fahren. Lieber Minister, Du irrst. Unsere Vorfahren, auch die Wohlhabenden, saßen mal auf den Palmen und aßen Bananen zum Frühstuck, bevor die Pole schmolzen.    


-o-o-

Esta "insustancial" lectura permite ejercicios de interpretación textual y a la vez imaginar algunas tragicómicas prevenciones recíprocas que se instalaron entre "Ossis" y "Wessis" durante los años que duró la división de Alemania después de la derrota final en 1945. Sugerimos aventurar hipótesis explicativas.



Mittwoch, 6. Dezember 2017

Lectura 49 - Demian, ein Einweihungsroman von H. Hesse

Der Weg nach innen


Demian - Die Geschichte von Emil Sinclairs Jugend


 Ich wollte ja nichts als das zu leben
versuchen, was von selber aus mir heraus
wollte. Warum war das so sehr schwer?


…Die Dichter, wenn sie Romane schreiben, pflegen so zu tun, als seien sie Gott und könnten irgendeine Menschengeschichte ganz und gar überblicken und begreifen und sie so darstellen, wie wenn Gott sie sich selber erzählte, ohne alle Schleier, überall wesentlich. Das kann ich nicht, so wenig wie die Dichter es können. Meine Geschichte aber ist mir wichtiger als irgendeinem Dichter die seinige; denn sie ist meine eigene, und sie ist die Geschichte eines Menschen — nicht eines erfundenen, eines möglichen, eines idealen oder sonstwie nicht vorhandenen, sondern eines wirklichen, einmaligen, lebenden Menschen. Was das ist, ein wirklicher lebender Mensch, das weiß man heute allerdings weniger als jemals, und man schießt denn auch die Menschen, deren jeder ein kostbarer, einmaliger Versuch der Natur ist, zu Mengen tot. Wären wir nicht noch mehr als einmalige Menschen, könnte man jeden von uns wirklich mit einer Flintenkugel ganz und gar aus der Welt schaffen, so hätte es keinen Sinn mehr, Geschichten zu erzählen. Jeder Mensch aber ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwürdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch, solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfüllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit würdig. In jedem ist der Geist Gestalt geworden, in jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.
Wenige wissen heute, was der Mensch ist. Viele fühlen es, und sterben darum leichter, wie ich leichter sterben werde, wenn ich diese Geschichte fertiggeschrieben habe.
Einen Wissenden darf ich mich nicht nennen. Ich war ein Suchender und bin es noch, aber ich suche nicht mehr auf den Sternen und in den Büchern, ich beginne die Lehren zu hören, die mein Blut in mir rauscht. Meine Geschichte ist nicht angenehm, sie ist nicht süß und harmonisch wie die erfundenen Geschichten, sie schmeckt nach Unsinn und Verwirrung, nach Wahnsinn und Traum wie das Leben aller Menschen, die sich nicht mehr belügen wollen.
Das Leben jedes Menschen ist ein Weg zu sich selber hin, der Versuch eines Weges, die Andeutung eines Pfades. Kein Mensch ist jemals ganz und gar er selbst gewesen; jeder strebt dennoch, es zu werden, einer dumpf, einer lichter, jeder wie er kann. Jeder trägt Reste von seiner Geburt, Schleim und Eischalen einer Urwelt, bis zum Ende mit sich hin. Mancher wird niemals Mensch, bleibt Frosch, bleibt Eidechse, bleibt Ameise. Mancher ist oben Mensch und unten Fisch. Aber jeder ist ein Wurf der Natur nach dem Menschen hin. Uns allen sind die Herkünfte gemeinsam, die Mütter, wir alle kommen aus demselben Schlunde; aber jeder strebt, ein Versuch und Wurf aus den Tiefen, seinem eigenen Ziele zu. Wir können einander verstehen; aber deuten kann jeder nur sich selbst.

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…Es war ein fremder Geist über mich gekommen, ich paßte nicht mehr in unsre Gemeinschaft, die so innig gewesen war, und nach der mich oft ein rasendes Heimweh wie nach verlorenen Paradiesen überfiel. Ich wurde, namentlich von der Mutter, mehr wie ein Kranker behandelt als wie ein Bösewicht, aber wie es eigentlich stand, konnte ich am besten aus dem Benehmen meiner beiden Schwestern sehen. In diesem Benehmen, das sehr schonend war und mich dennoch unendlich beelendete, gab sich deutlich kund, daß ich eine Art von Besessenem war, der für seinen Zustand mehr zu beklagen als zu schelten war, in dem aber doch eben das Böse seinen Sitz genommen hatte. Ich fühlte, daß man für mich betete, anders als sonst, und fühlte die Vergeblichkeit dieses Betens. Die Sehnsucht nach Erleichterung, das Verlangen nach einer richtigen Beichte spürte ich oft brennend, und empfand doch auch voraus, daß ich weder Vater noch Mutter alles richtig würde sagen und erklären können. Ich wußte, man würde es freundlich aufnehmen, man würde mich sehr schonen, ja bedauern, aber nicht ganz verstehen, und das Ganze würde als eine Art Entgleisung angesehen werden, während es doch Schicksal war.Ich weiß, daß manche nicht glauben werden, daß ein Kind von noch nicht elf Jahren so zu fühlen vermöge. Diesen erzähle ich meine Angelegenheit nicht. Ich erzähle sie denen, welche den Menschen besser kennen. Der Erwachsene, der gelernt hat, einen Teil seiner Gefühle in Gedanken zu verwandeln, vermißt diese Gedanken beim Kinde, und meint nun, auch die Erlebnisse seien nicht da. Ich aber habe nur selten in meinem Leben so tief erlebt und gelitten wie damals.
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 … An jenem Frühlingstag im Park begegnete mir eine junge Dame, die mich sehr anzog. Sie war groß und schlank, elegant gekleidet, und hatte ein kluges Knabengesicht. Sie gefiel mir sofort, sie gehörte dem Typ an, den ich liebte, und sie begann meine Phantasien zu beschäftigen. Sie war wohl kaum viel älter als ich, aber viel fertiger, elegant und wohl umrissen, schon fast ganz Dame, aber mit einem Anflug von Übermut und Jungenhaftigkeit im Gesicht, den ich überaus gern hatte.Es war mir nie geglückt, mich einem Mädchen zu nähern, in das ich verliebt war, und es glückte mir auch bei dieser nicht. Aber der Eindruck war tiefer als alle früheren, und der Einfluß dieser Verliebtheit auf mein Leben war gewaltig.Plötzlich hatte ich wieder ein Bild vor mir stehen, ein hohes und verehrtes Bild — ach, und kein Bedürfnis, kein Drang war so tief und heftig in mir wie der Wunsch nach Ehrfurcht und Anbetung! Ich gab ihr den Namen Beatrice, denn von ihr wußte ich, ohne Dante gelesen zu haben, aus einem englischen Gemälde, dessen Reproduktion ich mir aufbewahrt hatte. Dort war es eine englisch-präraffaelitische Mädchenfigur, sehr langgliedrig und schlank mit schmalem langem Kopf und vergeistigten Händen und Zügen. Mein schönes junges Mädchen glich ihr nicht ganz, obwohl auch sie diese Schlankheit und Knabenhaftigkeit der Formen zeigte, die ich liebte, und etwas von der Vergeistigung oder Beseelung des Gesichts.Ich habe mit Beatrice nicht ein einziges Wort gesprochen. Dennoch hat sie damals den tiefsten Einfluß auf mich geübt. Sie stellte ihr Bild vor mir auf, sie öffnete mir ein Heiligtum, sie machte mich zum Beter in einem Tempel. Von einem Tag auf den andern blieb ich von den Kneipereien und nächtlichen Streifzügen weg. Ich konnte wieder allein sein, ich las wieder gern, ich ging wieder gern spazieren.

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Sugerencias : analizar este texto en su estructura sintáctica y lógica. Buscar los verbos conjugados y tratarlos como ejes de oraciones subordinadas o principales. Señalar núcleos de sujetos, objetos directos, objetos indirectos, predicativos. Reconstruir el sentido de cada enunciado. Utilizar diccionarios bilingües y el muy recomendable (en alemán) DWDS en la red.      Aprovechar traducciones existentes y examinarlas con las observaciones que merezcan.  

La novela Demian fue publicada en 1919 y en la portada el autor había elegido como pseudónimo el nombre de su protagonista, Emil Sinclair. Sein innerer Konflikt beginnt sich zu lösen, als er einer jungen Frau begegnet, die er heimlich verehrt. Er nennt sie Beatrice, in Anlehnung an ein Gemälde, das er stets bei sich trägt und Dantes Jugendliebe Beatrice Portinari zeigt. Er verklärt sie zu einer Heiligengestalt . Manchmal ganz in einer Traumwelt lebend, beginnt  er, Zeichnungen von seiner Beatrice anzufertigen. In diesen erkennt er Merkmale und Gesichtszüge von seinem Freund Demian, und später auch von sich selbst. Nach einem Besuch bei Demians Mutter, „Frau Eva“ genannt, erkennt Sinclair, dass ausgerechnet sie sich hinter dem oft gezeichneten Traumgesicht verbirgt. Sie wird zu seinem neuen Leitbild, ist für ihn Dämon und Mutter, Schicksal und Geliebte, schön und verlockend, und gibt ihm die Kraft, ohne Angst und Unsicherheit auf sich selbst vertrauen zu können.



Relato “iniciático” y de formación, se gestó hacia finales de la primera guerra mundial y fue leído principalmente por jóvenes que en Europa buscaban experiencias liberadoras y superadoras, dentro de la atmósfera de desencanto y nihilismo propia de la época. Al adolescente Kalais Haller le resultó lectura reveladora en la Argentina posterior a 1945, como una palanca en la difícil construcción de la propia identidad personal y política.


A contrapelo de las censuras a la supuesta “actitud incomprometida” de Hesse, su ulterior inmersión emocional e intelectual en concepciones no racionalistas de molde oriental (indias, chinas, japonesas), confluyente con su crítica lúcida de nuestra cultura tecnocrática, mereció ser destacada entre los factores de la llamada “contracultura underground”. En la novela utopista  titulada Das Glasperlenspiel  [“El sistema de las perlas de cristal” o “El juego de abalorios”], Hesse ensaya una visión integradora de aspectos filosóficos occidentales y orientales compatibles con sociedades no deshumanizadas. Utopías a veces son profecías.- Quizás ello disculpe o justifique la inclusión de pasajes del Demian en estas lecturas del taller de alemán.

Einweihungs-Roman. [novela de iniciación] - Initiation : Aufnahme eines Neulings in eine Standes- oder Altersgemeinschaft, einen Geheimbund o. Ähnliche.
die Einführung der Jugendlichen in den Kreis der Erwachsenen bei den Naturvölkern

H. Hesse und Thomas Mann

Una crítica en francés: Roman d'initiation et de formation, Demian est l'un des chefs-d'œuvre de ce genre littéraire. Comment l'homme peut-il échapper au monde des miroirs et parvenir à être lui-même ? Demian (au nom proche du daïmon grec, la voix intérieure) enseigne au jeune Emile Sinclair à ne pas suivre l'exemple de ses parents, à se révolter pour se trouver, à traverser le chaos pour mériter l'accomplissement de sa destinée propre. Au bout de ce chemin où le divin et le démoniaque se mêlent, la crainte d'être un exilé, un séparé, un étranger est annihilée.


Dienstag, 5. Dezember 2017

Lectura 48 - Enzensberger über Tourismus

No es solo el sistema

Quellen : als Taschenbuch erschienen Einzelheiten I, Bewußtseins-Industrie / Frankfurt am Main, Suhrkamp 1966 .- Siehe auch http://www.zeit.de/2009/12/Enzensberger-Gedichte?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.share.link.x

Escritura militante: solemos aceptar ese nombre solo para la “crítica antisistema”. Las opiniones conformistas, conservadoras o elusivas reciben el mote de “publicidad suasoria”.  ¿Qué pensar acerca de planteos denunciadores de “industrias culturales” y formas multitudinarias de “diversión”, como los que ha venido publicando Hans Magnus Enzensberger? Las sucesivas ediciones de sus cuestionamientos han sido difundidas (con obvia ganancia pecuniaria) por las mismas empresas e instituciones puestas en entredicho, a las que ese autor responsabiliza de la hipnosis cultural del público “occidentalizado”. Simultáneamente ejerce como poeta con igual afán iconoclasta. Escriba desde el pesimismo,  el resentimiento o una voluntad  correctora, su inconformismo parece genuino y lo expresa en buen alemán aunque a veces en deliberada contradicción con las últimas reglas de la Rechtschreibung.
He aquí fragmentos y resúmenes tomados de fuentes más arriba citadas. (entrecomilladas las citas textuales; lo demás, reconstruido a partir del original).

« In seinem eigenen Bewußtsein dünkt ein jeder sich souverän … Denn der Aberglaube, als könne der einzelne im eigenen Bewußtsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Haus bleiben, ist heruntergekommene Philosophie von Descartes bis Husserl, … Idealismus in Hausschuhen »  -« Das Bewußtsein ist von vornherein schon ein gesellschaftliches Produkt und bleibt es, solange überhaupt Menschen existieren » [K. Marx, Die deutsche Ideologie].
 « Die Bewußtseins-Industrie ist ein Kind der letzten hundert Jahre… Sie ist die eigentliche Schlüsselindustrie des zwanzigsten Jahrhunderts… »

Vier seien die Bedingungen ihrer Existenz : 1. Aufklärung im weitesten Sinne ; 2.Die Proklamatiom (nicht die Verwirklichung) der Menschenrechte, der Gleichheit und der Freiheit ; 3.Steigender Lebensstandard der Mehrheit aller Staatsbürger, bei sinkender Arbeitszeit ; 4.Der technische Aufschwung in der Funk-, Film-, Phono- und Fernsehtechnik. Die Entwicklung dieser vier Bedingungen veränderte die soziale Rolle des Intelektuellen. Er hat mit Bestechungs- und Erpressungsversuchen zu rechnen. Er wird unter jedem politischen System zum Komplizen jener Kulturbranchen und der etablierten Herrschaft ihrer Hersteller.
Enzensberger nimmt zuerst eine der wichtigsten Tageszeitungen Deutschlands unter die Lupe : die FAZ, also die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Dann, die einflussreiche Zeitschrift Der Spiegel, das Scherbenbild einer Wochenschau [noticiero semanal cinematográfico], die Massenproduktion der Taschenbücher, die Aufstellung von Bestseller-Katalogen und die Verknüpfungen des Massen-Tourismus mit den anderen Fakten der Produktion und des Vertriebs.

Hier ein Auszug (Ausschnitt, Extract,) des Essays "Eine Theorie des Tourismus" :
« Die Wörterbücher meldeten für das Jahr 1800 das Auftauchen des « Touristen », für das Jahr 1811 das des « Tourismus ». Diese Neubildungen sind, keineswegs zufällig, … der englischen Sprache zu verdanken ». Seine Geschichte ist immer noch nicht vollends geschrieben worden. Seine Erscheinungen werden kritisiert und mit Hohn überschüttet. Oft nimmt die Tourismuskritik einen reaktionären Ton an, besonders wenn seine gesellschaftlichen und landschaftlichen Auswirkungen verpönt werden.

Doch zählt das Reisen zu den ältesten Handlungen des menschlichen Lebens, aber nicht als Selbstzweck. « Im frühesten Hebräisch waren die Worte « Kaufmann » und « Reisender » synonym. Die Nomaden wandern um Nahrung oder Beute zu suchen, vielleicht auch aus Volkssitte. Die Piraten, um Fremde Städte und Schiffe zu überfallen und danach zu fliehen. Die Lehrlinge, um einen besseren Meister zu suchen. Die jungen Kavaliere, um des Ruhmes willen oder einer Dame zu gefallen ; vielleicht auch in der Absicht, im Heer eines großen Adligen zu dienen.

Zur Blütezeit des Merkantilismus (18. Jahrhubdert) wurden die ersten Guides des Voyageurs (Vorläufer der heutigen Reiseführer) veröffentlicht, dann 1836 das erste Red Book von John Murray und drei Jahre später der deutsche « Baedecker ». Die Pilgerstätten, besonders die Stadt Rom, wurden aus Anlass eher kultureller als religiöser Interessen besucht. Die bürgerlichen Aufstände pflanzten dem einzelnen ein Freiheitsbewusstsein ein, das öfter zur Auswanderung führte. Aber der politischen Revolution entsprachen Verwandlungen in der Produktionsweise, die bald einen neu organisierten Welthandel verursachten. Damit hing der technologische Fortschritt zusammen, besonders der Ausbau eines weltumfassenden Straßen- und Eisenbahnsystems, das auch dem Tourismus zugute kam.

Der aufkommende Romantizismus des 19. Jahrhunderts projizierte in ferne Inseln und Länder den Wunschtraum mancher Utopisten und Naturliebhaber, und dies könnte sehr gut als eine Flucht vor der industriell verseuchten und verschmutzten Realität verstanden werden. Man versucht, das Netzwerk der komplizierten Großstädte loszuwerden und dadurch fallen die Leute in das Netz des organisierten Tourismus. Bedenken wir auch das Aufkommen neuer Sportarten: Alpinismus, Segelfahrt, Camping, sowie die Ausbreitung der Sozialrechte wie bezahlter Urlaub, Reisekredit usw.

Dieser Trend brachte einen Aufschwung der Reisebüros nebst einer weltumfassenden Organisation des Tourismus, dessen Betreiber bald eine Normierung der Reiseziele erzwingen und somit die « Sehenswürdigkeiten » bestimmen konnten. « …Die Reise wurde fertig montiert und verpackt geliefert ». Viele waren neugierig auf die Lebensverhältnisse und Sitten der Menschen anderer Länder, die vielleicht als « malerisch und primitiv » bezeichnet wurden. Da fiel es bestimmten Reisebüros ein, sogar Besichtigungen  auf Armenviertel im eigenen Land zu veranstalten!


Mit dem modernen Reisefieber geht auch ein neues Hotelwesen Hand in Hand, sowie das Wachstum der Reklame und sogar der Reiselektüre. Die Spannungen des Abschieds und der Heimkehr bieten anschließende Gelegenheiten zur Nervenzerrüttung. Wehe dem Zurückkommendem, der die Geschenke von Übersee vergisst !



Vokabular:  [dünken : Verb · dünkte, hat gedünkt / veraltend Verb · deuchten, hat gedeucht]  ⟨es dünkt mich, mir⟩ es scheint mir - es dünkte ihn ( ihm) gut, hier zu helfen                                           


⟨sich etwas dünken⟩  sich etw. einbilden, eine übertrieben hohe Meinung von sich selbst haben


[Stätte f.‘Stelle, Ort’ : eine freundliche, ruhige, gastliche, einsame, leere, verlassene Stätte -  eine Stätte der Arbeit, des fröhlichen Beisammenseins                                   die Stätten seiner Kindheit aufsuchen = sitio, lugar, punto, paraje ]

Hans Magnus Enzensberger



Ein Gedicht (Fragm) : Alter Schuppen – (el viejo galpón )


Das waren Zeiten◗ ◖Ein Überfluß war das!◗ ◖Jeder von uns besaß seinen eigenen Stuhl,◗ ◖und es waren noch ein paar übrig◗ ◖für müde Ausländer, die sich ausruhen wollten.◗ ◖Unsre Gebisse waren wie neu.◗ ◖Versicherungen hatten uns fest im Griff,◗ ◖Vollbäder standen uns zur Verfügung◗ ◖jahraus jahrein, und manchmal◗ ◖sandten wir Geld und kaum getragene Jacken◗ ◖an weit entfernte Personen.◗ ◖Natürlich waren wir unbeliebt.◗ ◖Ohne mit der Wimper zu zucken,◗ ◖bestiegen wir Automobile und Aeroplane.◗ ◖Überall gab es Sicherheitsschleusen.◗ ◖Gehorsam zogen wir unsere Schuhe aus.◗ ◖Für den Fall, daß uns einer falsch kam,◗ ◖lauerte im Treppenhaus eine Schar von Anwälten.◗ ◖Sogar den Krankheiten ging es immer besser.◗ ◖Aber wir bissen die Zähne zusammen◗ ◖und hielten durch.◗ Die Kandidatur◗ ◖ ◖für Michael N.◗ ◗ ◖Geschwind, geschwind! riefen uns,◗ ◖über die Brüstung gebeugt,◗ ◖die Großmütter zu – ein Wort◗ ◖aus verschollenen Fibeln –,◗ ◖um uns anzuspornen.◗ ◖Aber es hat nicht geholfen.◗ ◖Eile mit Weile, ermahnten uns andre.◗ ◖Die Zugpferde lahmten, und wir◗ ◖hingen schlaff auf dem Bock.◗ ◖Die Astrologin hatte uns gewarnt,◗ ◖allein wir wollten nicht hören.◗ ◖Zu beschönigen gebe es nichts,◗ ◖äußerten die Parteifreunde◗ ◖in der Elefantenrunde.◗ ◖Nur unsre Schwiegertöchter –◗ ◖die eilten herbei, küßten uns◗ ◖und gratulierten zum Rücktritt.◗ ◖»Euer breites Siegerlächeln◗ ◖vor all den Kameras«,◗ ◖versicherten sie,◗ ◖»hätten wir nicht ertragen.«◗ ◗

…Ebenso nimmt Enzensberger im Lob des Analphabetentums eine völlig neue Perspektive ein und kritisiert das gern angewandte Mitgefühl für Analphabeten. Er schenkt der Tatsache Beachtung, dass jeder sechste der Weltbevölkerung weder lesen noch schreiben kann, und dass, wenn man die Vergangenheit in die Überlegung miteinbezieht, Analphabeten nicht die Minderheit sondern die Mehrzahl bildeten. Die Fähigkeit, lesen und schreiben zu können, gelangt demnach erst durch gesellschaftliche Konventionen zu Wert und scheint nicht ein generelles Kriterium für das glückliche menschliche (Über-)Leben zu sein.

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Hans Magnus Enzensberger: Büchnerpreisrede 1963 / Hans Magnus Enzensberger. Mit einem Essay von Friedrich Dieckmann. Hamburg: Europäische Verlags–Anstalt 1992. 86 Seiten. [Quelle : http://enzensberger.germlit.rwth-aachen.de ]

Der erste Teil seines Essays beschreibt die Vereinigung der drei deutschen Westzonen, die damit verbundene Spaltung Deutschlands und somit die Vorgeschichte der endgültigen Teilung Deutschlands. Im zweiten Teil schildert er die Situation Deutschlands ein Jahr nach der Herstellung der „deutschen Staatseinheit“. In Anlehnung an Enzensbergers Rede meint Dieckmann, dass das Wir–Sagen nach der Wiedervereinigung noch schwieriger geworden sei (S. 25). Im Abschnitt „Aporien der revolutionären Identität“ wird ein Text(ausschnitt) aus Enzensbergers Essay „Berliner Gemeinplätze“ vorgestellt. Auch in seiner Rede thematisiert Enzensberger das „WIR“–Gefühl der Deutschen. „Wir nämlich wissen kaum, was das heißen soll: Wir.“ (S. 7) 1963, als die Berliner Mauer stand und Deutschland in zwei Staaten geteilt war, setzte sich Enzensberger mit der Identitätsfrage auseinander: „Mit wem oder womit sind wir identisch?“(S. 12). Anhand dieser Identitätsfrage beleuchtet er die Feindschaft im „geteilten Deutschland“ genauer. Er berichtet über den Bau der Mauer und die Folgen für das deutsche Volk. „Die Mauer trennt nicht nur Deutsche von Deutschen, sie scheidet uns alle von allen anderen Leuten. Sie verbarrikadiert nicht nur eine Stadt, sondern unsere Zukunft. Sie bildet nichts ab als uns selbst: das, was wir noch gemeinsam haben. Das einzige, was wir miteinander teilen, ist die Teilung. Die Zerrissenheit ist unsere Identität.“ (S. ??) Dieckmann schreibt dazu: „Die Aufforderung zur Bewusstseinsprüfung, die von der Betongrenze ausging, ist mit größerer Deutlichkeit, auf größerer Höhe der Sprache und des Gedankens nicht formuliert worden als in Hans Magnus Enzensbergers Büchnerpreisrede. Diese große politische Rede entschlägt sich des Instrumentariums politischer Rhetorik ebenso wie dem der Explikation historischer Zusammenhänge und sozialer Verhältnisse.“ (S. 44)

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