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Samstag, 16. September 2017

Lect. 39 - Decepciones y anhelos del Faust goetheano

Gründgens, fragmento actuado

Doktor Faustus, der alle Wissenschaften durchforstet hat und dem dennoch die wahre Erkenntnis versagt geblieben ist, sieht nun in der Magie einen Weg, das Geheimnis der Welt zu ergründen. Als auch dies scheitert, glaubt er, allein im Tod Erlösung finden zu können. Doch als die Osterglocken ertönen, bringt ihn die Erinnerung an seine Jugend von dem Selbstmordplan ab. In der Gestalt eines Pudels naht sich dem Wissenschaftler das Böse und gibt sich bald als Mephistopheles zu erkennen. Dieser schlägt Faust einen Pakt vor: Mephisto verpflichtet sich, ihn durch alle Höhen und Tiefen des irdischen Daseins zu führen und erhält dafür im Jenseits den Anspruch auf Fausts Seele. Zunächst konfrontiert er den weltfremden Gelehrten mit dem ausschweifenden Leben der Studenten (!) und Hexen. Nach dem Bad in einem Zaubertrank wird Faust verjüngt und verliebt sich in Gretchen. Mit Hilfe von Mephisto und der kupplerischen Nachbarin Marthe Schwerdtlein wird sie Fausts Geliebte. Gretchen wird schwanger und daraufhin von ihrem Bruder Valentin verstoßen, der, als er Faust zur Rede stellen will, von diesem umgebracht wird. Daraufhin bricht Gretchen zusammen, tötet in ihrer Verzweiflung ihr Kind und wird, geistig umnachtet, in den Kerker geworfen...
1932 spielte Gustaf Gründgens zum ersten Mal den Mephisto, der über die Jahrzehnte hinweg zu der Bühnenrolle seines Lebens wurde. Insgesamt 600 Mal verkörperte er diese Figur aus Goethes Faust. Zu einem international viel beachteten und gefeierten Ereignis wurde die Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, die am 21. April 1957 Premiere hatte. Schon bald nach der Premiere erschienen die ersten Tonmitschnitte der Aufführung auf Schallplatte, doch vermisste man bei aller sprachlichen Brillanz natürlich die optischen Eindrücke. Pläne, die Inszenierung für das Fernsehen aufzeichnen zu lassen, scheiterten. Peter Gorski, der Adoptivsohn von Gustaf Gründgens, und Dr. Barthels, Chef der Gloria-Film, kamen beide fast zur selben Zeit auf die Idee, die einmalige Inszenierung in einem Kinofilm festzuhalten. Der Film reduziert sich dabei nicht nur auf das bloße Abfilmen des Faust-Stoffes, sondern schöpft mit den gestalterischen Mitteln des Mediums Film die herausragende Darstellung der Akteure besser und perfekter aus, als sie vom menschlichen Auge im Zuschauerraum wahrgenommen werden kann. Gründgens wurde seinem Anspruch, weder "abgefilmtes Theater" noch "reinen Film" zu machen, in vorher nie erreichter Weise gerecht, eben, wie ein Kritiker seinerzeit schrieb: "dem Theater treu und den Gesetzen des Films nicht zuwider".

El Fausto « histórico » : Dr. Johann Georg Faust (approx. 1480 – 1540) was a German alchemist who was born in the village of Knittlingen, Württemberg. He has alternatively been known by the names “Johann Sabellicus” and “Georg Faust”. In 1507, Johannes Trithemius of Sponheim wrote that Faust was a con-man and a drifter who preyed on the gullible. He said he had fled a teaching position in Kreuznach after molesting several of the boys there. He may have then gone on to the University of Heidelberg to study, obtaining a degree in divinity from Heidelberg University in 1509, and then to Poland where a friend of Martin Luther, Philip Melanchthon, says Faust studied magic at the University of Kraków.
Martin Luther and Philipp Melanchthon are said to have alleged Faust’s companionship with the devil. He was expelled from Ehrfut by the Franciscan monk Dr. Klinge (who was the cathedral preacher from 1520-1556). Dr. Klinge asked for Faust’s repentance. Faust refused the monk’s offer of intervention and admitted having signed a pact with the Devil, and said that he trusted the Devil more than God. In 1523 he is said to have visited Auerbach’s Tavern in Leipzig where he conjured wine out of a table, and rode a barrel of wine. Goethe often visited the same tavern as a student centuries later. Faust died in 1540 or 1541. Legend says that he came to a terrible end near Wittenberg, where the devil tore him to pieces and left him on a dung heap, with his eyes glued to a wall.
In 1587 a chapbook “Historia von D. Iohan Fausten” was published about the sins of Faust, and was soon translated into English, where it inspired Christopher Marlowe. Marlowe’s Doctor Faustus, was studied by Johann Wolfgang von Goethe (who may also have read the German version), and the legend of Faust grew.
 
Goethes Tragödie spielt im Spätmittelalter, am Ende des XV. oder Anfang des XVI. Jahrhunderts. Der Gelehrte Heinrich Faust zweifelt am Erkenntniswert der Wissenschaft, die weit davon entfernt sei zu erklären, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er zieht die Summe seiner langjährigen Studien und sieht, dass wir nichts wissen können!

Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor;
Heiße Magister, heiße Doktor gar
Und ziehe schon an die zehen Jahr
Herauf, herab und quer und krumm
Meine Schüler an der Nase herum –
Und sehe, daß wir nichts wissen können!

Fausts lerneifriger Lehrling bzw. Famulus Wagner ist der Typus des auf reine Buch-Gelehrsamkeit bauenden, optimistischen und fortschrittsgläubigen Wissenschaftlers. Er wird im zweiten Teil des Faust als Professor und Reagenzglas-Genetiker auftreten und die nüchtern wissenschaftliche Position gegenüber dem Faustschen Schwärmertum vertreten. Durch die Erschaffung eines künstlichen Menschen, Homunkulus genannt, erweist sich auch er als Visionär.).
[Famulus: Student (der letzten Semester), der einem Hochschullehrer für seine Vorlesungen und Übungen Dienste leistet.-  Medizinstudent während des Praktikums’. Im 16. Jh. wird lat. famulus (alat. famul) ‘Diener’ (verwandt mit ↗Familie, s. d.) ins Dt. übernommen und bezeichnet zuerst den ‘Gehilfen eines Universitätsprofessors’, wird aber später weithin auf den medizinischen Bereich eingeschränkt. -famulieren ‘als Famulus arbeiten ].

Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit

Sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.

Was ihr den Geist der Zeiten heißt,

Das ist im Grund der Herren eigner Geist,

In dem die Zeiten sich bespiegeln…

…Die wenigen, die was davon erkannt,

Die töricht g'nug ihr volles Herz nicht wahrten,

Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,

Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.


[von je: seit langem, von jeher - immer schon, seit jeher - wie schon immer, wie jeher ]
[je :  alguna vez ]

Tief deprimiert und lebensmüde geworden, verspricht Faust dem Mephisto seine Seele, wenn es diesem gelingen sollte, ihn von seiner Unzufriedenheit zu befreien. Mephisto schließt mit Faust ein Verabkommen (eine Vereinbarung, einen Vertrag) in Form einer Wette. Der Teufel Mephisto, dem neben Zauberkräften auch Humor und Charme als Eigenschaften zustehen, ist bestrebt, Faust vom rechten Weg abzubringen. Er verwandelt ihn zurück in einen jungen Mann, nimmt ihn mit auf eine Reise durch die Welt und hilft ihm, die Liebschaft mit der jungen Margarete (Gretchen) einzufädeln.

Nun gut, wer bist du denn?
Mephistopheles:
      Ein Teil von jener Kraft,

Die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Faust:
Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?
Mephistopheles:
Ich bin der Geist, der stets verneint!

Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,

Ist wert, daß es zugrunde geht;

Drum besser wär's, daß nichts entstünde.

So ist denn alles, was ihr Sünde,

Zerstörung, kurz, das Böse nennt,

Mein eigentliches Element.


Faust:  …Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust,

Die eine will sich von der andern trennen;

Die eine hält, in derber Liebeslust,

Sich an die Welt mit klammernden Organen;

Die andre hebt gewaltsam sich vom Dust

Zu den Gefilden hoher Ahnen.

…Ich bin zu alt, um nur zu spielen,
Zu jung, um ohne Wunsch zu sein.

Was kann die Welt mir wohl gewähren?

« Entbehren sollst du! sollst entbehren! »

Das ist der ewige Gesang,

Der jedem an die Ohren klingt,

Den, unser ganzes Leben lang,
Uns heiser jede Stunde singt.
 




Faust übersetzt den Anfang des Johannesevangeliums (in principio erat Verbum…). Um den Sinn des griechischen Wortes λóγος zu erfassen, zieht er die Übersetzungen Wort, Sinn und Kraft in Erwägung und entscheidet sich dann für Tat: Im Anfang war die Tat!

…Mich drängt's, den Grundtext aufzuschlagen,

Mit redlichem Gefühl einmal

Das heilige Original

In mein geliebtes Deutsch zu übertragen,

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«

Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muß es anders übersetzen,

Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.

Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.

Bedenke wohl die erste Zeile,

Daß deine Feder sich nicht übereile!

Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?

Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!

Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, daß ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!...

Mephistopheles:
Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden,

Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn;

Wenn wir uns drüben wiederfinden,

So sollst du mir das gleiche tun.

Faust:
Das Drüben kann mich wenig kümmern;

Schlägst du erst diese Welt zu Trümmern,

Die andre mag danach entstehn…

Mephist : Doch, guter Freund, die Zeit kommt auch heran,

Wo wir was Guts in Ruhe schmausen mögen.  [schmausen : ein leckeres Mahl einnehmen, etw. mit Genuss essen, sich gut schmecken lassen]

Faust:
Werd ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,

So sei es gleich um mich getan!

Kannst du mich schmeichelnd je belügen,

Daß ich mir selbst gefallen mag,

Kannst du mich mit Genuß betrügen –

Das sei für mich der letzte Tag!

Die Wette biet ich!

…Werd ich zum Augenblicke sagen:

Verweile doch! du bist so schön!

Dann magst du mich in Fesseln schlagen,

Dann will ich gern zugrunde gehn!

Dann mag die Totenglocke schallen,

Dann bist du deines Dienstes frei,

Die Uhr mag stehn, der Zeiger fallen,

Es sei die Zeit für mich vorbei!



Mit Goethes Faust wird Johann Wolfgang von Goethes Bearbeitung des Fauststoffs bezeichnet. Der Begriff kann sich auf den ersten Teil der von Goethe geschaffenen Tragödie, auf deren ersten und zweiten Teil gemeinsam oder insgesamt auf die Arbeiten am Fauststoff beziehen, die Goethe durch sechzig Jahre hindurch immer wieder neu aufnahm. Er umfasst in diesem letzteren Sinne auch die Entwürfe,FragmenteKommentare und Paralipomena des Dichters zu seinem Faustwerk und zum Fauststoff.
Zu den einzelnen Teilen und Versionen von Goethes Faustwerk siehe: Urfaust, erster Entwurf, entstanden zwischen 1772 und 1775, postum 1887 erstveröffentlicht  * Faust. Ein Fragment, vollendet 1788, erschienen 1790 * Faust. Eine Tragödie. (auch Faust. Der Tragödie erster Teil oder kurz Faust I), erschienen 1808 * Faust. Der Tragödie zweiter Teil (auch kurz Faust II
), erschienen 1832



Murnaus "Faust" (Film) https://www.youtube.com/watch?v=DSRSfFkaVog 
Disertación s/"Faust" de Murnau https://www.youtube.com/watch?v=Vi6c09MrR1c
Audio escenas de la Tragedia https://www.youtube.com/watch?v=iClHFAGMm58





Freitag, 15. September 2017

Lect. 38 - Manía fáustica en la era digital


Der Wissensdrang des Dr. Faust ist legendär. Retrato imaginado de Dr Faust


Das wirklich Neue in der digitalen Welt wird nicht das selbstfahrende Auto sein, sondern die Abschaffung der Arbeit. Arbeit wird Privileg. Vom Gesundheitswesen, der Landwirtschaft, der industriellen Produktion, dem Militär bis hin zur Forschung und dem Individualunterricht werden immer mehr intelligente Maschinen zum Einsatz kommen. Hurra! Das ist nicht nur Grund zum Feiern, sondern verschafft uns auch die Zeit zum Feiern.

Doch nach dem Feiern kommt bekanntlich der Kater. In Arbeit und Erfolg findet man Lebenssinn. Ohne Arbeit kommt es zum Absturz. Wer bereitet uns darauf vor?

Diese Umwälzung wird auch gewiss keine allgemeine Gleichheit schaffen. Der digitale Kapitalismus wird weiterhin die bereits Wohlhabenden begünstigen. Von globaler Gerechtigkeit sind wir weit entfernt.

Trügerische Sicherheit eines Übergangszeitraums

Deutschlands Wirtschaft profitiert derzeit von einem paradoxen Phänomen: Gerade weil vieles verschlafen wird, sind wir die Nutznießer des globalen Wandels. Denn wir haben festgehalten an vielen Tugenden der vordigitalen Zeit, die anderswo schon über den Haufen geworfen worden sind, aber für einen Übergangszeitraum noch gebraucht werden. Dazu gehören neben den klassischen deutschen Stärken, wie etwa Ingenieurwesen, Handwerk und Logistik auch Kopfarbeit, Planung und Ausbildung. Anderswo wurde schon umgestellt auf digitales Lernen und auf dynamische Karrieren voller Quereinstiege. Doch Deutschland führt in der digitalen Welt bezeichnenderweise nur in zwei Bereichen: im Pornographie-Konsum und in der regulierenden Gesetzgebung.

Zu unserem Glück hinkt die künstliche Intelligenz bisher aber fast allen Erwartungen hinterher. Schwein gehabt! Das paradoxe Hoch Deutschlands scheint das Verweilen zu legitimieren.

Man findet in den Programmen der meisten Parteien denn auch wenige Gedanken zur Zukunft. Statt die Gesellschaft als Ganzes umzustellen, sollen alle besser auf den verschärften Wettbewerb vorbereitet werden. Jeder Einzelne soll die Ausnahme der Umwälzungen sein. Faire Schulen, so die SPD, damit jeder eine Chance hat. Mehr Wettbewerb unter den Universitäten, so die FDP. Selbst beim bedingungslosen Grundeinkommen der Grünen weiß man nicht, ob es nach den Koalitionsverhandlungen das Ende des Sozialstaates einläuten wird und der Einzelne so wieder auf sich selbst verwiesen wird. Fazit querbeet: Jeder Einzelne soll sich weiter als der Auserwählte sehen, als der Harry Potter, der den immer unwahrscheinlicheren Absprung schafft und sinnvolle Arbeit findet. Verweilen wir. Entsprechend wird auch das Scheitern individualisiert.


Die Zukunftsfragen sind ungeklärt.
Die großen Fragen bleiben offen: Wie werden wir in Zukunft leben? Als Freizeitmenschen oder als Arbeitgeber der Roboter? Als Träumer oder als Sinnstifter? Als Verteidiger unseres Wohlstandes oder als Mitglieder der globalen Welt?
Für Goethes Faust war Verweilen keine Option:

Werd' ich beruhigt je mich auf ein Faulbett legen,
So sei es gleich um mich getan!
Kannst du mich schmeichelnd je belügen,
Daß ich mir selbst gefallen mag,
Kannst du mich mit Genuß betrügen,
Das sei für mich der letzte Tag!
Die Wette biet' ich!


Werd ich zum Augenblicke sagen:
Verweile doch! du bist so schön!
Dann magst du mich in Fesseln schlagen,
Dann will ich gern zugrunde gehn!

Faust I (Faust)

Wenn  jemand sagt, Faust habe das Verweilen des schönen Augenblickes »gelehrt«, dann hat er entweder den Text nicht (genau) gelesen  oder aber er will genau das erreichen, was Mephistopheles dem Faust gegenüber erreichen will: Einen Menschen dazu zu bringen, nicht weiter zu streben, nicht mehr wissen zu wollen, zu verharren und sich letztlich auf dem »Faulbett«  auszuruhen.

Zweihundert Jahre nach Faust erblickt man das Schöne hingegen nur im Bestehenden. Eine Welt jenseits von Angela Merkel traut sich keiner zu denken. Daher wird auch nach der Wahl wirklich alles bleiben, wie es nie war.

Fritz Breithaupt, geboren 1967  - Quelle: Deutsche Welle 2017-09-13

 

Vor der Bundestagswahl im September 2017

Jungwähler haben schlechte Karten, entscheidend sind die Stimmen der Älteren. Wie generationengerecht ist die Bundestagswahl?
In Deutschland "regieren" die Älteren. Eine Art Mini-Opposition sind die Jungwähler bis 30 Jahre - sie sind beinahe chancenlos, ihren Willen, durchzusetzen. Denn so groß, so bequem ist die Mehrheit aus den Generationen ihrer Eltern und Großeltern. Das geht aus den jüngsten Daten des Bundeswahlleiters hervor. Demnach haben ältere Wähler einen zahlenmäßigen Vorteil an der Wahlurne: Die Wahlberechtigten ab 60 Jahren haben einen Anteil von über 36 Prozent, die unter 30-Jährigen von gut 15 Prozent.
Vorboten einer Rentnerdemokratie?
Und dieser Vorsprung wird durch den demografischen Wandel weiter zunehmen. Bei der letzten Bundestagswahl war erstmals mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten über 50 Jahre alt. Eindeutig erkennbar wird der Trend im Vergleich zu der Bundestagswahl 1980, als die jüngsten und ältesten Wahlberechtigten sich noch ansatzweise die Waage hielten: Damals waren 26,8 Prozent der Wahlberechtigten über 60 und 22,3 Prozent unter 30 - beide Gruppen hatten also ein ähnliches Gewicht. Die Verschiebung seitdem deutet an: Mit den jungen Stimmen allein ist längst keine Bundestagswahl zu gewinnen - mit den älteren Wählern hingegen schon eher. Erst recht in der nahen Zukunft. Dazu kommt: Seit 2005 ist die Wahlbeteiligung bei Menschen über 70 sogar auf ein überdurchschnittliches Niveau gestiegen.
Deshalb zeigte sich Ex-Bundespräsident Roman Herzog besorgt, als 2008 eine außerplanmäßige Rentenerhöhung beschlossen wurde: "Ich fürchte, wir sehen gerade die Vorboten einer Rentnerdemokratie: Die Älteren werden immer mehr, und alle Parteien nehmen überproportional Rücksicht auf sie", sagte Herzog der "Bild"-Zeitung damals und erntete für diesen Satz viel Kritik.
Wolfgang Gründinger teilt die Sorge von Herzog. Er ist Autor der Bücher "Alte Säcke Republik" und "Aufstand der Jungen". Er engagiert sich außerdem im Vorstand der Stiftung Generationengerechtigkeit. "Jeder dritte Wähler ist über 60 Jahre alt, die Hälfte der SPD- und CDU-Mitglieder ist über 60 Jahre alt. Und natürlich wird in einer Demokratie Politik für die stärksten Wählergruppen gemacht." Und das seien heute die Alten. "Das erkennt man auch an den Themen im Wahlkampf, wo die Themen der Jungen - zum Beispiel Bildung, Digitalisierung - ja gar nicht mehr vorkommen", sagt der 33-Jährige.
Ältere Wähler wählen zukunftsorientierter als junge
Stimmt die alternde Gesellschaft in Deutschland an der Wahlurne gegen die Interessen die Jugend? Eine gemeinsame Studie des Rheingold-Instituts und der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2014 widerspricht jedenfalls der häufig vertretenen Meinung, dass die ältere Generation eher gegenwarts- als zukunftsorientiert wählen würde. Im Gegenteil: Laut der Studie handeln und wählen Ältere sogar im Schnitt zukunftsorientierter als Jüngere, obwohl letztere mehr Lebensjahre vor sich haben. 
"Wir haben festgestellt, dass es inbesondere Menschen, die eine sehr starke Verankerung in einem politischen Weltbild haben, leichter fällt, tatsächlich langfristig orientierte Entscheidungen zu treffen", sagt Christina Tillmann, eine der Autorinnen der Studie. Dagegen hätten die 19- bis 32-Jährigen - die "Generation Wahl-O-Mat" - eher eine Art "Supermarkt- oder Shopping-Mentalität", wenn sie wählen gehen. Das heißt: Sie entscheiden eher aus ihrer eigenen Lebenslage heraus jedes Mal neu über Einzelaspekte, "weil ihnen der stabile Orientierungsrahmen, den die älteren Generationen haben, eben fehlt", sagt Tillmann.

Wahlrecht ab 16 Jahren?
Dass die Jungwähler statistisch einen immer kleineren Anteil am Wahlausgang haben, liegt aber nicht allein an der Demografie - sondern auch an den Jungwählern selbst. Seit 1953 bleibt die jüngste Altersgruppe bei der Wahlbeteiligung hinter den älteren Wähler zurück. Sogar unter den Erstwählern, die also bis zur Volljährigkeit warten mussten, um endlich das politischen Geschehen mitzubestimmen, ist der Drang die Stimme abzugeben vergleichsweise gering: Von ihnen bleibt ein höherer Anteil am Wahlsonntag zu Hause als im Durchschnitt aller Altersgruppen.
Die SPD, die Grünen und die Linken in ihren Wahlprogrammen sprechen sich dafür aus, das bundesweite Wahlalter auf 16 Jahre abzusenken. Der Grünen-Politiker Anton Hofreiter sagte im Vorfeld einer Diskussionsveranstaltung mit Jungwählern: "Wir sind der Meinung, dass das Wahlrecht generell auf 16 Jahre abgesenkt werden sollte. Jugendliche können auch zum Teil vor 16 viele Entscheidungen für sich selbst treffen; sie sind ab 14 Jahren keine Kinder mehr, sondern strafmündig. Und da viele Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, sie sehr, sehr lange betreffen werden, sind wir der Meinung: Ab 16 kann, wer will, mitwählen." 
Wolfgang Gründinger von der Stiftung Generationengerechtigkeit würde noch einen Schritt weitergehen. Er fordert ein Kinder- und Jugendwahlrecht: "Jeder junge Mensch sollte dann wählen dürfen, sobald er das möchte. Das werden die meisten erst mit 12 oder 13 wahrnehmen. Aber prinzipiell ohne Altersgrenze nach unten, es gibt ja auch keine Altersgrenze nach oben."
Gegen die demografische Unwucht komme man nicht an, sagt der langjährige Jugendforscher Klaus Hurrelmann - selber Jahrgang 1944. Neben der Absenkung des Wahlalters hat er eine andere Idee, um die Wahl generationengerechter zu gestalten: "Dass man an die Verantwortung der älteren Menschen appelliert. Manche wissen das ja gar nicht, dass sie diese überwältigende Übermacht haben."

Fuente: Deutsche Welle - cerca de las elecciones para la renovación del parlamento alemán ("Bundestagswahl" de 2017)  -  Ante el tema del envejecimiento poblacional y sus repercusiones en la configuración del Parlamento y del gobierno



diario La Nación, Bs Aires, 18.09.2017: "Hay muchos ámbitos en la política en los que (...) se trata de no cambiar nada, como si se metiera a Alemania en un frasco para conservar el presente para siempre mientras escatimamos con el futuro". 



Los gobernantes encontrarán siempre recursos para el presupuesto de las jubilaciones mientras recortan en otras carteras.
Según un estudio de finales de agosto de Eurostat, Alemania invirtió sólo un 4,2% de su PBI en educación en 2015, por debajo de la media europea (4,9%).
El ex jefe de Estado Roman Herzog, fallecido en enero, advirtió ya en 2008 contra el espectro de una "democracia de jubilados" que saquea a su juventud.
El tema ha salido de nuevo a relucir con motivo de las elecciones del próximo domingo (24.09.2017). Y es que los mayores de 60 años serán, con el 36,1%, el grupo electoral más grande por primera vez en la historia de la república federal, revela un estudio del GDV, la federación alemana de las compañías de seguros. Los votantes menores de 40 años no llegan a un tercio (29,3%).
El descenso de la natalidad y el aumento de la esperanza de vida explican esta inversión de la relación de fuerzas desde la reunificación. La diferencia se incrementará todavía más cuando las personas nacidas después de la Segunda Guerra Mundial, los llamados baby boomers, se jubilen en masa a partir de 2020.